Eichholz – Holzer Alm

Steinreiches Lindlar

Stefan Blumberg

In Lindlar wurden schon im 16. Jahrhundert zwei Steinarten gewonnen: der Lindlarer Marmor und die Grauwacke. Die Marmorvorkommen liegen im Ortskern und im Bereich Hartegasse-Linde. Der Marmor wurde beim Bau der Schlösser Bensberg und Ehreshoven verwendet. Als Boden, Tür- und Kaminumrandung ist er heute noch zu bewundern. Die gewerbliche Ge winnung des Marmors wurde Anfang der 1950er Jahre eingestellt.

Die Grauwacke Vorkommen liegen auf dem Bergrücken von Heibach über Brungerst und Eremitage bis nach Rübach. Steinbruchbetriebe bauen heute noch die Grauwacke Vorkommen ab. Dort erläutert der Steinhauerpfad mit Schautafeln die Bedeutung dieses Gesteins. Es wird erstmals in einem Vertragstext am 21. Juni 1633 erwähnt. In diesem Vertrag verpflichtete sich Meister Merten, die Kirche in Lindlar mit Steinen aus dem Brungerst zu decken. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurde Lindlar fünfmal niedergebrannt. Dies erklärt, warum es keine älteren Unterlagen mehr gibt. Das älteste in Lindlar erhaltene Gebäude aus Grauwacke ist der Kirchturm von St. Severin. Er wurde vor über 800 Jahren errichtet. Also können wir davon ausgehen, dass die Grauwacke schon viel früher gewonnen wurde.

Im Jahre 1706 gründeten die Steinhauer die Sankt Reinoldus Gilde. Sie regelte, welche Ausbildung ein Geselle bzw. ein Meister brauchte, um als Steinmetz arbeiten zu können. Durch die Arbeit im Steinbruch erkrankten viele Männer im Alter von 35 bis 40 Jahren an der Staublunge (Silikose). Die Staublunge führte zu Atemnot. Um besser Luft zu bekommen, setzten sich die Erkrankten ans Fenster, bis sie schließlich nicht mehr in der Lage dazu waren und verstarben. Daher kommt der Ausspruch: „Er ist weg vom Fenster“.

Lindlar wurde ein Dorf der Witwen und Waisen. Um der Not abzuhelfen, gründeten die Steinhauer 1824 eine Bruderschaft. Alle Steinbrucharbeiter zahlten dem Gildemeister einen Beitrag, der dann auf die Witwen und Waisen verteilt wurde, um die größte Not zu lindern. 1935 erreichte Dr. med. Wilhelm Meinerzhagen mit großem persönlichem Einsatz, dass die Staublunge als Berufskrankheit anerkannt wurde. In den Wintermonaten ruhte die Arbeit im Steinbruch. Weil es noch kein Arbeitslosengeld gab, waren die Steinbrucharbeiter gezwungen, mit einer anderen Arbeit ihr Geld zu verdienen. Sie banden Reisig zu Besen und verkauften diese bis nach Köln und Siegen. Die wirtschaftliche Entwicklung blieb aufgrund der schlechten Verkehrsanbindung weit hinter den Erwartungen zurück. Erst mit der Eröffnung der Bahnlinie Köln—Lindlar im Jahr 1912 begann die Blüte der Steinindustrie Lindlars. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der VDK (Verein Deutscher Kriegsgräberfürsorge) beschloss, die Kreuze auf den deutschen Soldatenfriedhöfen in aller Welt aus Lindlarer Grauwacke herstellen zu lassen, begann die Produktion wieder auf Hochtouren zu laufen. Heute findet die Grauwacke dank der technischen Entwicklung ihre Verwendung nicht nur als Mauerwerk, Straßenpflaster, Treppen- und Bodenbelag, sondern auch im Küchen- und Badbereich. Grauwacke aus Lindlar dient als Wegestein an markanten Stellen des Pilgerweges Heidenstraße, wie in Marienheide, Scheel, Lindlar, Hohkeppel und Immekeppel.

Steinbruch in Lindlar


Eine sprechende Architektur – Geistliche Führung durch St. Severin, Lindlar

Kunibert Broich

Die heutige Pfarrkirche St. Severin, Lindlar, ist noch immer eine verkannte Schönheit in ihrer von Schinkel gutgeheißenen architektonischen Gestalt, vor allem aber bezüglich der Aussagekraft ihrer Bauformulierungen. Meistens billigt man diese Eigenschaft Landkirchen nicht zu, in diesem Fall aber zu Unrecht. St. Severin fasst Gedanken in Stein, die erfassbar und erlebbar sind. Sie verkörperte bis zum Eingriff 2009 die perfekte Übersetzung des doppelten Liebesgebots in ihren Baufor­mulierungen.

Sie betreten als Pilger die heutige Kirche wahrscheinlich durch eine der Seitentüren. Sie sind eingeladen, sich unter den Turm zu begeben, der das älteste Bauteil der Kirche ist, und Ihre Entdeckung zu beginnen. Bis 1826 lag dort der Fußboden 2 Fuß (63 cm) höher. Sie wären also durch die niedrige Pforte des Haupteingangs eingetreten und hätten, wie in einer Geste der Demut, den Kopf senken müssen. Die niedrige Pforte erinnert an Mt 7,13-14, dass das enge Tor zum Leben, der breite und bequeme Weg ins Verderben führt (Berger/Nord, 586). Anlass zum Nachdenen und Umsteuern.

Ihr Blick orientiert sich nach vorne, auf einen schlichten Altartisch und genau darüber auf ein zierliches gotisches Gewölbe, das leicht zum Kirchenschiff hin angeschnitten, aber noch nicht ganz sichtbar ist.

St. Severin Mittelschiff (links) – St. Severin Blick ins gotische Chor (rechts)

St. Severin – Chorgewölbe

Gehen Sie mit dem Blick darauf dorthin, ohne sich ablenken zu lassen, und nehmen Sie Platz hinter dem Altar, um im Chorgewölbe das Logo der Kirche zu erfassen — das Flammenkreuz mit gleich langen Kreuzesbalken über dem Mittelpunkt des Altares, dem Schnittpunkt der Längsachse der Kirche mit der Querachse durch das erste Fensterpaar des Chores.

Das Flammenkreuz ist kein Zierrat, sondern steht als Logo für das um 1500 gewollte Reformprogramm, mit dem das Wesentliche des christlichen Glaubens wieder in den Blick gerückt wurde angesichts der Fehlentwicklungen und der Kommerzialisierung der Kirche. Das Flammenkreuz über Ihnen verweist auf den Kernsatz des Christentums. Die gleich langen Balken betonen anschaulich die Gleichrangigkeit von Gottesliebe und Nächstenliebe (Mt 22,37), hier in der Übersetzung von Berger/Nord (625): „Liebe Gott, deinen Herrn, aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit all deinem Verstand. Dies Gebot ist groß, und es ist das Wichtigste. Das zweitwichtigste Gebot ist dem ersten sehr ähnlich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. An diesen beiden hängt das ganze Gesetz und die Propheten“.

Diese Botschaft wird durch die florale Einkleidung des Flammenkreuzes, vor allem angesichts der irdischen Wirklichkeit, als paradiesisch empfunden.

1826 wurde das Logo durch neue Bauformulierungen erlebbar gemacht. Wenden Sie dazu den Blick in die Kirchenhalle und stellen Sie sich das ganze Langhaus mit Fenstern aus „ordinärem“ Weißglas vor, wie es die Ausschreibung von 1824 forderte, d. h. mit gewöhnlichem Fensterglas der damaligen Zeit. Aus den vierbahnigen Fenstern vorne links und rechts wurde sogar das Buntglas entfernt. Entgegen der Ausschreibung wurde jedoch „halbweißes Glas“, wahrscheinlich ein Antikglas, einge­baut, aber nur der Preis für Weißglas bezahlt (GAL 0554 A Nr. 4).

Während Sie zum Turm zurückgehen, malen Sie sich aus, wie der Raum bei vollem natürlichenLicht, möglichst Sonnenschein, auf Sie wirken würde. Das hilft, die Symbolik des Raumes zu erschließen, „Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis“ (1 Joh 1,5 b, Lutherbibel). Das volle natürliche Licht ist das älteste Symbol für die Anwesenheit Gottes.

St Severin – Michaels-Kapelle mit Triforium

Diese Lichtfülle der klassizistischen Kirchenhalle trägt nachhaltig zur Erlebbarkeit des doppelten Liebesgebots bei. Die Vertikale steht, wie gesagt, für die Gottesliebe. Gottes Liebe zu den Menschen äußert sich in seiner uns anvertrauten Schöpfung, die ganz konkret die Fenster ausfüllt in Form des Lindenkranzes rings um die Kirche (wäre nicht die Obstruktion durch Buntglas). In ihr sehen wir den Schöpfer selbst am Werk.

Die Wirkung dieser Bauformulierung ist ganz konkret: ein Wohlgefühl, das Erfahren von Angenommen- und Geborgen­sein. Dieses helle, warme Licht ist, wie die Orthodoxen sagen, ein heiteres Licht, ein fürstliches Licht, das einen hebt und ei­nem Menschen damit Wert und Wichtigkeit zumisst. Und die herzliche Antwort des Menschen auf diesen Erweis von Gottes Liebe ist Bewunderung, Lob und Dank.

Zugleich kommt in diesem Licht auch die horizontale Bedeutung zur Geltung, indem jeder andere im Raum klar erkennbar erscheint. Dadurch wird die mitmenschliche Dimension „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wahrnehmbar. „Denn wer seinen Bruder, den er doch sehen kann, nicht liebt, der kann auch Gott nicht lieben, den er … nicht … sehen kann“ (1 Joh 4,20). Allerdings findet der Alltagstest für die Nächstenliebe erst draußen vor den Kirchentoren statt.

Gehen Sie mit diesen Gedanken in die Mitte der Kirche und schauen Sie hoch. Fühlen Sie sich nicht erhaben und überlegen! Der Ruf des Erzengels Michael im Blendbogen über der Empore: „Quis [est] ut Deus?“ (Wer ist wie Gott?) mahnt zur Bescheidung und Demut beim Hinausgehen.

Und wenn Sie sich draußen umschauen, lesen Sie ergänzende Mahnungen, an­gefangen mit dem Hahn auf dem Turm, der zur Wachsamkeit mahnt, sich bis zum Jüngsten Tag diesem Kerngebot aktiv zu widmen. Der Turm kündet sichtbar aller Welt mit den Seiten in die vier Himmelsrichtungen, dass diese Botschaft für alle Zeiten gilt.

Gewiss könnte man noch auf andere Aspekte der Kirche eingehen. Jedoch ist das, was zählt – in den skizzierten Bauformulierungen enthalten und erlebbar —, die (nicht nur) christliche Kernbotschaft. Es ist eindrucksvoll, wie Architektur es schafft, diese Botschaft Jesu für die Sinne wahrnehmbar zu übersetzen.

St. Severin – Blendboegen über Triforium

Der pultartig gestaltete Wegestein mit dieser Bronzetafel steht am Rande des Kirchplatzes in Lindlar und somit auf dem ehemaligen Gelände des Fronhofes, wo der Zehnte aus Lindlar, im Mittelalter auch aus Gummersbach und Meinerzhagen, für das Stift St. Severin, Köln, eingesammelt wurde


Marienkapelle Burg Ort der Hoffnung und Zuversicht                                          

Kunibert Broich

Die kleine Marienkapelle lädt nicht nur Pilger zu einer kurzen Rast ein, sondern alle auf beschwerlichen Lebenswegen, die einmal verschnaufen, kurz zur Ruhe und zum nachdenklichen Gebet kommen möchten, um Kraft und Mut zu schöpfen für sich und andere, die dieser Hilfe bedürfen.

Man findet hier keinen süßlichen Marienkult, sondern das herbe Leben, das sich in der Madonna, der leidgeprüften Mutter der Betrübten, widerspiegelt. Die Statue wurde von H. von Wussow 1954 geschnitzt, der im gleichen Jahr auch den ausdrucksstarken Kreuzweg aus gebrannten Tontafeln unter dem Turm von St. Severin in Lindlar gestaltete.

Peter Opladen beschreibt detailliert, wie der Lindlarer „Kapellenkranz‘ 1954 um diese weitere Kapelle vermehrt wurde. Ein rein religiöses Motiv lag ihrer Errichtung zugrunde, nämlich die besondere Verehrung der Mutter Gottes, was auch die Mandorla zum Ausdruck bringt, und das Gebet für sie selbst, die Stifterin Frl. Maria Wurtscheid (Opladen, 294).

Marienstatue in der Marienkapelle Burg

Geboren am 15.06.1866, wohnte sie als Letzte ihrer Geschwister auf dem elterlichen Hof in Burg. Sie hatte den Gedanken, eine Kapelle, die größer sein sollte als das Frauenhäuschen in Falkenhof, errichten zu lassen. In ihrem Testament vom 03.08.1945 bestimmte sie den damaligen Pfarrer Theodor Braun als Erben mit der Auflage, in Burg eine Muttergotteskapelle zu bauen, in der jährlich am Tage Mariä Geburt (08.09.) eine Messe für ihr Seelenheil und das ihrer Angehörigen gelesen werden sollte.

Am 23.04.1946 schloss sie mit Otto Heller, der den Hof als Pächter bewirtschaftete, einen Kaufvertrag, wonach die Kaufsumme nach ihrem Tod an Pfarrer Braun zu zahlen sei. Am 17.07.1948, kurz nach der Währungsreform, starb sie. Die Abwertung der Reichsmark, die mit der Währungsreform verbunden war, schaffte jedoch neue Verhältnisse. Am 11.11.1949 kamen Pfarrer Braun und Otto Heller überein, dass Letzterer die Bauverpflichtung übernehmen sollte, auf seinem Grundstück die Kapelle spätestens bis zum Jahresende 1954 zu errichten, und zwar an der Stelle des alten Wegekreuzes von 1756. Tatsächlich wurde sie in diesem Jahr nach dem Plan von Rainer Stiefelhagen, Engelskirchen, fertiggestellt und am 10.10. eingeweiht. Die Grundsteinplatte benennt Otto Heller und seine Ehefrau Maria geb. Lennertz als Bauherren (Külheim, 40). Das besagte Wegekreuz befindet sich heute, in die Wand eingelassen, unter dem Vordach der Kapelle.

Was steckt hinter diesem Datum? Kirchen werden an Sonntagen eingeweiht. Für eine Marienkapelle in einem marianischen Jahr wie 1954 konnte dafür kein beliebiger Sonntag in Frage kommen. Man wählte deshalb den Sonntag nach dem Rosenkranzfest, dass an die siegreiche Seeschlacht von Lepanto am 07.10.1571 erinnert. Der ursprüngliche Name des Rosenkranzfestes war dementsprechend „Unsere liebe Frau vom Sieg“ – „Nostra Signora de la Vittoria“. Der Grund: Das Abendland stand einer massiven Bedrohung gegenüber. Nach Ansicht des Paps­tes und der Gläubigen hatte intensives Beten des Rosenkranzes zum Sieg über die Osmanen verholfen.

Welch ein Kontrast zu der bescheidenen 35 m2 großen Kapelle, von sechs Rund­fenstern beleuchtet, ausgestattet mit einem Altar aus Grauwacke, daneben die Mutter Gottes ohne das Kind und mit herbem Gesichtsausdruck, keine „Nostra Signora de la Vittoria“, sondern „Mutter der Betrübten“. Sie wird manchem Pilger und Wanderer auf seinem weiteren, oft beschwerlichen Weg Kraft und Zuversicht geben.

Blick in die Marienkapelle Burg


Die Texte sind, mit freundlicher Genehmung des Mitautors H.L. Scherer, aus dem Buch: „Wandern und Pilgern auf der Heidenstrasse von Marienheide nach Köln“ entnommen.