Gesichte der Schöpfung – Wallfahrtskirche Marienheide
Markus Juraschek-Eckstein
In der Kirche St. Mariä Heimsuchung kommen rheinische und westfälische Einflüsse zusammen. Die gedrungen wirkende spätgotische Hallenkirche mit den schmucklosen Rundpfeilern aus Bruchstein und den wuchtigen Gurt- und Scheidbögen ist eindeutig westfälischer Bauart zuzuschreiben, wie sie seit der Romanik beispielsweise in Soest entwickelt wurde und wie sie noch heute an vielen Stätten Oberbergs und des Sauerlandes zu finden ist.

Die Wallfahrtskirche St. Mariä Heimsuchung Zur Zeit der Kirchengründung
Zur Zeit der Kirchengründung gehörte Marienheide der Grafschaft Mark an, 1420/21 schenkte der märkische Graf Gerhard von Kleve das heutige Ortsgelände dem Dominikanerorden. Die ersten Mönche, die 1423/25 unter dem aus Attendorn stammenden Pater Petrus Richardii den Marienheider Konvent bildeten, kamen aus Soest. Bis etwa 1470 erbauten sie ihre Kirche.
Die spätgotische und barocke Ausstattung der Marienheider Kirche zeigt ebenfalls westfälischen Einfluss, wenn sich auch hier bereits ein rheinischer Akzent bemerkbar machen dürfte. So wurde das prachtvolle Hochaltarretabel der Werkstatt Peter Sasses in Attendorn zugeschrieben, welche im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts eine eigene Ausprägung des westfälisch/ rheinisch-barocken Stils entwickelt hatte. Die horizontal lastende und etwas schwer gedrechselte Architektur des Retabels spricht noch in den damals in Westfalen gepflegten hochbarocken Tönen des 17. Jahrhunderts. Seiner lichten Farbigkeit nachkommen aber hier wohl Einflüsse der sich aktuell am eleganten französischen Stil zu orientieren beginnenden höfischen Zentren in Bonn oder Düsseldorf zur Geltung.

Chorgestühl des Marienheider Konvents
Nach einer Pestepidemie musste der Marienheider Konvent im Jahre 1503 völlig neu aufgestellt werden. Nun wurde er mit Mönchen aus dem Kölner Dominikanerkloster Heilig Kreuz, an dessen Hochschule der heilige Albertus Magnus gelehrt und Thomas von Aquin studiert hatte, besetzt. Der neue Marienheider Konvent ließ den Chorraum der Kirche um zwei Joche erweitern und das heute noch bestehende Chorgestühl errichten. Für die Ausführung des Gestühls wurden eine Werkstatt in Unna und des Weiteren niederrheinische Vorbilder ausgemacht.
Die geistigen Einflüsse, die zur Gründung der Marienheider Wallfahrt und der Kirche führten, müssen dagegen weitgehend im Rheinland gesucht werden. Die legendäre Übertragung des Gnadenbildes durch den Klausner Henricus vor 1417 geschah immerhin vom damaligen europäischen Kunstzentrum Köln aus. Auch der Lebenswandel des Klausners vollzog sich auf Grundlage einer Ende des 14. Jahrhunderts in den Niederlanden und am Niederrhein entwickelten Frömmigkeitsbewegung, der sogenannten devotio moderna, welche auch dem Laien in der persönlichen Nachfolge Christi in Demut und Armut ein gelingen mögendes apostolisches Leben zusprach. Die vita apostolica mittels imitatio Christi sollte auch in der individuellen Anschauung von Bildwerken, welche die Menschwerdung Gottes, also die Annäherung Gottes an sein Ebenbild (!) darstellten, vollzogen werden können. Anhand solcher Bildnisse hatte jeder Gläubige, auch der Laie, in eine mystische Verbindung zur Gottheit treten können. So jedenfalls lehrten es im 14. Jahrhundert unter dem Einfluss des an der Kölner Dominikanerhochschule lehrenden Meister Eckhart stehende Prediger wie Johannes Tauler oder HeinrichSeuse. In diesem Zusammenhang ist die prompte, bald mit der Translozierung des Gnadenbildes entstehende Wallfahrt nach Marienheide zu verstehen.
Ein bislang meist als unerklärliches Kuriosum angesehenes Detail in der Heimsuchungskirche dürfte diese enge Verbundenheit zwischen Bildverehrung und Frömmigkeitsbewegung jener Zeit dokumentieren. Die Kapitelle der Eckdienste des östlichen Vorchorjochbogens sind mit jeweils vier schwach erhabenen und mimisch individuellen Kopfreliefs geziert. Hierbei handelt es sich meines Erachtens um Allegorien der vier Temperamente: Melancholiker, Phlegmatiker, Sanguiniker und Choleriker. Die mittelalterliche Lehre parallelisierte die vier Temperamente, an denen jeder Mensch in unterschiedlicher Gewichtung Anteil habe, mit den vier Himmelsrichtungen, den vier Jahreszeiten oder den vier Evangelien, um so auf Stimmigkeit und Harmonie der Welt im Großen und im Kleinen, auf die Einheit von Makro- und Mikrokosmos zu verweisen. Der romanische Schmuckfußboden aus St. Pankratius in Oberpleis stellt dies expressis verbis vor.
Dass es sich bei den Dienstkapitellen in der Marienheider Kirche nicht um bloß aussagelosen Zierrat handelt, wird durch zwei Überlegungen klar. Zum einen gebot das Armutspostulat den Dominikanern eine schlichte Ausgestaltung ihrer Kirchen. Figürliche Bauzier wurde in den Bettelordenskirchen in aller Regel auf das „Notwendigste“ begrenzt. Es musste also einen Grund geben, warum man in der Marienheider Kirche überhaupt Figurenschmuck anbrachte, und das umso mehr bei einer Kirche westfälischen Typs, welcher sich in puncto Bauplastik ganz generell schnörkellos gab.
Zum Weiteren befinden sich die betreffenden Dienste an der Stelle der ehemaligen Chorwand. Sie rahmen den Ort, an dem sich bis zur Chorerweiterung vor 500 Jahren der Hauptaltar der Kirche befand. Dass ein vorreformatorischer Altar als Stätte der zeichenhaften Wiederholung der Mysterien von der Fleischwerdung Gottes und des stellvertretenden Todes Jesu ein Ort ist, der selbst „aufs Ganze geht“ — ausgerichtet auf die Vollendung des Heils in der Wiederkehr Christi am Jüngsten Tag -, ist liturgiehistorischer Gemeinplatz. Diese aufs Allganze bezogene liturgische Harmonie (griech. kösmos bedeutet „Ordnung“, „Schmuck“) nun mittels der menschlichen Gestalt- die vier Temperamente – zu repräsentieren, entspricht dem Bedürfnis nach konkreter, anthropomorpher Anschauung, wie sie in der mystischen Bewegung seit dem 14. Jahrhundert gelehrt wurde. Möglicherweise wurde das Marienheider Muttergottesbild einst auf dem vormaligen Hochaltar gezeigt, und es war damit Anlass für die Gestaltung der Köpfekapitelle: Sie brachten das Bildnis der Gottesmutterschaft Mariens respektive des Menschtums Gottes in Verbindung mit der höheren Schau der jedem Christgläubigen innewohnenden Präsenz von Schöpfer und Schöpfung.

Kopfrelief an einem Kapitell
Ton der Zeit verweht
Der Gimborner Richtplatz
Hans Ludwig Knau / Herbert Schmoranzer
Nichts ist mehr vom Gimborner Richtplatz zu sehen. Die Natur hat sich über ihn gebreitet. Bezeugt jedoch haben ihn Jordan von der Waye in der Karte von 1610 (S. 41) und J. F. C. Rummel in der Karte von 1802/03. Rad und Vierfachgalgen werden in der Vergrößerung sichtbar (s. Karte 1, F 2, S. 27). Der Gerichtsplatz wird auch schriftlich erwähnt, und zwar im „Versuch einer generalen Beschreibung der im Westfälischen belegenen Hochfürstlichen Schwarzenbergischen ohnmittelbaren freyen Reichsherrschaft Gimborn-Neustadt“ aus dem Jahr 1781. Dort heißt es, dass das Gericht „jedesmal“ in Gimborn „auf dem Galgenberg zwischen Gimborn und Marienheide“ tagt. Außerdem erfahren wir, dass es in Gimborn ein Gefängnis gab und ein „Blut Urtheil“ erst vollstreckt werden konnte, wenn es „dem Landesherrn zur Bestätigung vorgelegt“ worden war (Versuch, 87).
Existenz und Standort eines Richtplatzes sind aus strategischen und abschreckungswirksamen Gründen in Zusammenhang zu bringen mit dem Vorhandensein eines nahen vorbeiführenden wichtigen Handelsweges, was die beiden oben genannten Karten bezeugen.
Aufhängen bedeutete langsames qualvolles Erwürgen. Die Gehenkten blieben so lange am Galgen, bis der Strick riss oder Teile des Körpers durch Verwesung herunterfielen. Als nicht minder grausam galt das Rädern. Den Verurteilten wurden bei vollem Bewusstsein z. B. Arme und Beine gebrochen, damit sie auf das Rad geflochten werden konnten. Manche lebten noch stunden- bzw. tagelang, ehe sie starben.
Bei wie vielen mag der Anblick Erhängter oder Geräderter Entsetzen ausgelöst haben? Wie vielen werden sie Furcht eingeflößt haben? Gewalt, Schuld, Schmach und Abschreckung zur Schau gestellt! Heute so nicht mehr möglich, im Verborgenen aber weiter existent. Abu-Ghraib bei Bagdad und Berlin-Hohenschönhausen stehen als Beispiele für Folterkammern weltweit.

Die Texte sind, mit freundlicher Genehmung des Mitautors H.L. Scherer, aus dem Buch: „Wandern und Pilgern auf der Heidenstrasse von Marienheide nach Köln“ entnommen.
